Dass Grippe jedes Jahr wiederkehrt, lässt die jährliche Anpassung der Impfung zunächst widersprüchlich erscheinen. Grippeviren verändern sich, sodass der Körper neue Varianten unter Umständen schlechter erkennt.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet diese Veränderungen fortlaufend und wählt die Impfstoffzusammensetzung vorausschauend aus. Für die Grippesaison 2026/27 auf der Nordhalbkugel veröffentlichte sie ihre Empfehlung im Februar 2026. Sie beruht auf den Viren, die sich bis dahin weltweit beobachten ließen, und ist keine exakte Vorhersage, welche Erreger später jede einzelne Person treffen wird.
Der Auswahlprozess zeigt, wie die WHO Virenstämme für den Impfstoff auswählt und warum sich die Zusammensetzung jährlich ändern kann.
Wie sich die Grippeimpfung jedes Jahr verändert
Die Grippeimpfung wird nicht jedes Jahr vollständig neu entwickelt. Der saisonale Impfstoff behält meist dieselbe Grundstruktur: Er enthält ausgewählte Virusbestandteile, gegen die das Immunsystem Antikörper bilden soll. Vor allem die Varianten, aus denen diese Komponenten stammen, ändern sich. Die WHO prüft, welche Influenzaviren weltweit zirkulieren und welche sich in der kommenden Grippesaison voraussichtlich ausbreiten.
Für die Nordhalbkugel-Saison 2026/27 empfiehlt sie drei Komponenten: zwei A-Varianten und eine B-Variante. Die genauen Referenzviren unterscheiden sich je nachdem, ob die Herstellung auf Eiern oder anderen Verfahren beruht. Die Empfehlung passt die Rezeptur gezielt an, statt sie jedes Jahr neu zu entwickeln. Die WHO-Empfehlung für 2026/27 beschreibt die Auswahl für die kommende Saison.

Viren verändern sich schneller als der Impfstoff
Bei saisonaler Influenza stehen vor allem Viren der Typen A und B im Blick. Influenza A wird in Subtypen unterteilt, darunter A(H1N1)pdm09 und A(H3N2). Beide können regelmäßig eine Grippewelle auslösen. Für Typ B sind verschiedene Linien bekannt; in der aktuellen Auswahl ist B/Victoria relevant. B/Yamagata ist in den Empfehlungen für 2026/27 nicht enthalten.
Die Virusoberfläche trägt Proteine, an denen Antikörper ansetzen können. Besonders wichtig sind Hämagglutinin und Neuraminidase. Verändert sich deren Aufbau, erkennen vorhandene Antikörper das Virus unter Umständen schlechter. Eine einzelne Veränderung im Erbgut heißt Mutation; schrittweise Veränderungen der Oberflächenmerkmale werden als antigenische Drift bezeichnet.
Nicht jede Mutation erfordert eine neue Komponente. Manche Veränderungen beeinflussen die Erkennung durch Antikörper kaum. Andere treten nur vereinzelt auf oder setzen sich nicht breit durch. Für eine Anpassung zählt das Gesamtbild: Welche Varianten breiten sich aus, wie unterscheiden sie sich von den bisher berücksichtigten Viren und wie gut passen die vorhandenen Komponenten noch zu ihnen? Die Auswahl berücksichtigt diese Hinweise, statt jede Veränderung automatisch in die Rezeptur zu übernehmen.
Warum jedes Jahr eine neue Auswahl nötig ist
Die Zusammensetzung wird jährlich überprüft, weil sich die Häufigkeit der Virusvarianten verschieben kann. Eine Variante, die in einer Saison häufig vorkommt, muss in der nächsten nicht mehr dominieren. Andere können an Bedeutung gewinnen oder sich in verschiedenen Regionen unterschiedlich ausbreiten. Eine frühere Auswahl passt deshalb möglicherweise weniger gut zu den Viren, die später zirkulieren.
Auch der zeitliche Abstand zwischen Empfehlung und Grippesaison spielt eine Rolle. Der Impfstoff muss hergestellt und geprüft werden, bevor klar ist, welche Varianten in einzelnen Ländern vorherrschen. Die Empfehlung stützt sich auf weltweite Überwachung und Laboranalysen, kann aber keine exakte Vorhersage für jede Region oder jeden Zeitpunkt liefern. Für die Saison 2026/27 wurde sie im Februar 2026 vorgelegt.
Der Schutz durch eine frühere Impfung kann mit der Zeit nachlassen. Wie stark und wie schnell das geschieht, hängt unter anderem von der Person und der Übereinstimmung zwischen Impfstoff und zirkulierenden Viren ab. Dieser Rückgang ist von der Veränderung der Viren zu unterscheiden: Selbst wenn eine Variante gleich bliebe, könnte der Schutz abnehmen. Umgekehrt kann eine veränderte Variante auftreten, während die Impfung weiterhin einen gewissen Schutz bietet. Die jährliche Auswahl berücksichtigt beide Entwicklungen.
Was „trivalent“ über die heutige Zusammensetzung aussagt
„Trivalent“ bedeutet, dass die saisonale Zusammensetzung drei Viruskomponenten enthält. Üblicherweise sind es zwei Influenza-A-Komponenten, eine gegen A(H1N1)pdm09 und eine gegen A(H3N2), sowie eine Influenza-B-Komponente. Für 2026/27 wird eine B/Victoria-Komponente empfohlen. Die konkreten Referenzviren unterscheiden sich bei einigen Herstellungsverfahren: Für eibasierte Impfstoffe nennt die Empfehlung beispielsweise A/Darwin/1454/2025-like und B/Tokyo/EIS13-175/2025-like, während andere Verfahren A/Darwin/1415/2025-like und B/Pennsylvania/14/2025-like verwenden.
Früher waren quadrivalente Impfstoffe verbreitet. Sie enthielten zusätzlich eine zweite Influenza-B-Linie, B/Yamagata. Da diese Linie seit Jahren nicht mehr nachgewiesen wurde, ist sie aus der aktuellen Auswahl entfallen. Die Umstellung von vier auf drei Komponenten bedeutet nicht, dass eine der beiden Influenza-A-Komponenten gestrichen wurde. Auch die US-Angaben zur Impfstoffzusammensetzung 2026/27 führen zwei A-Komponenten und eine B-Komponente auf.
Die jährliche Änderung betrifft vor allem die ausgewählten Virusstämme innerhalb einer stabilen Grundstruktur. Welche Komponenten enthalten sind, richtet sich nach den Beobachtungen der weltweiten Überwachung. So verbindet die Auswahl eine wiederkehrende Grundformel mit einer saisonalen Anpassung an die zirkulierenden Virusstämme.
Wie die WHO die erwarteten Influenzaviren auswählt
Die WHO legt die Zusammensetzung des Impfstoffs nicht anhand einzelner Laborfunde fest. Sie verbindet weltweite Überwachungsdaten mit genetischen und antigenischen Untersuchungen. So bewertet sie, welche Varianten für die kommende Influenza-Saison wahrscheinlich wichtig werden. Der Prozess folgt einem festen Zeitplan, muss aber mit Unsicherheit umgehen: Zum Zeitpunkt der Empfehlung ist die Viruszirkulation der nächsten Monate noch unbekannt.
Ein weltweites Netzwerk sammelt Viren und Daten
Die Grundlage bildet das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS) der WHO. Nationale Influenza-Zentren sammeln Proben zirkulierender Viren und übermitteln ihre Untersuchungsergebnisse. WHO-Kollaborationszentren und weitere spezialisierte Labore ergänzen die Daten und vergleichen Befunde aus verschiedenen Ländern. Die WHO beschreibt das GISRS-Netzwerk zur Influenzaüberwachung als weltweite Zusammenarbeit von Laboren und Fachstellen.

Die nationale Überwachung ist wichtig, weil Influenzaviren nicht überall gleichzeitig auftreten oder sich gleich entwickeln. Meldungen aus verschiedenen Regionen zeigen, welche Varianten an mehreren Orten zirkulieren und ob sich ihre Häufigkeit verändert. Einzelne Länder können unterschiedliche Entwicklungen beobachten, etwa wenn sich Varianten regional verschieden verbreiten.
Ein weltweites Bild verringert das Risiko, dass auffällige, aber örtlich begrenzte Funde die Auswahl bestimmen. Zugleich hängt die Aussagekraft davon ab, welche Proben verfügbar sind und wie gut die Überwachung in den einzelnen Regionen funktioniert. Die Fachleute bewerten deshalb alle Daten zur Influenza, statt eine lokale Beobachtung automatisch auf die nächste Saison zu übertragen.
Genetische und antigenische Tests zeigen, ob Stämme noch passen
Bei der genetischen Analyse untersuchen Fachleute das Erbgut der Viren. So erkennen sie, welche Varianten miteinander verwandt sind und wo eine Mutation aufgetreten ist. Diese Untersuchung liefert Hinweise darauf, wie sich die Viren entwickeln. Sie zeigt jedoch nicht allein, wie gut die Immunabwehr ein Virus noch erkennt.
Dafür dient die antigenische Analyse. Sie prüft, ob Antikörper ein Virus weiterhin erkennen. Weicht die Reaktion deutlich von der gegen einen bisher berücksichtigten Stamm ab, kann das auf eine schlechtere Übereinstimmung hinweisen. Die Labortests liefern keine einfache Ja-nein-Antwort: Fachleute vergleichen mehrere Befunde und ordnen sie in die Entwicklung der Viruspopulation ein.
Anschließend zählt auch, wie häufig eine Variante auftritt und wie weit sie sich ausbreitet. Eine seltene Variante ist nicht automatisch ein aussichtsreicher Kandidat für die Auswahl. Umgekehrt kann eine Variante mit deutlicher antigenischer Abweichung an Bedeutung gewinnen, wenn sie in mehreren Regionen häufiger nachgewiesen wird. Erst das Zusammenspiel dieser Hinweise ermöglicht eine fundierte Einschätzung.
Zwei WHO-Empfehlungen pro Jahr geben den Zeitplan vor
Die Empfehlungen erscheinen üblicherweise zweimal jährlich: im Februar für die kommende Saison auf der Nordhalbkugel und im September für die Südhalbkugel. Die Grippesaison beginnt auf den beiden Halbkugeln zu unterschiedlichen Zeiten. Für die Herstellung des Impfstoffs muss die Auswahl deshalb früh feststehen.
Für die Influenza-Saison 2026/27 auf der Nordhalbkugel beriet die WHO vom 23. bis 26. Februar 2026 über die Zusammensetzung. Die Empfehlung erschien am 27. Februar. In die Bewertung flossen die bis dahin verfügbaren weltweiten Überwachungsdaten ein. So bündelte die Konsultation die Beobachtungen der vorausgegangenen Monate zu einer Entscheidung für die kommende Influenza-Saison.
Nach der Empfehlung brauchen Hersteller Zeit, um die ausgewählten Komponenten in die Produktion einzubeziehen und den Impfstoff herzustellen. Auch Qualitätsprüfungen und die Vorbereitung auf die Zulassung müssen in den saisonalen Ablauf passen. Eine Entscheidung kurz vor Beginn der Grippewelle käme für die Herstellung zu spät.
Die Empfehlung ist eine Prognose, keine Garantie für perfekte Übereinstimmung
Zwischen der Auswahl der Stämme und der späteren Grippewelle liegen Monate. In dieser Zeit können sich Varianten weiter verändern, neue Varianten häufiger werden und bislang verbreitete Viren an Bedeutung verlieren. Zudem verlaufen Grippewellen regional unterschiedlich. Deshalb lässt sich im Februar nicht sicher bestimmen, welche Viren später in jedem Land dominieren.
Die Empfehlung ist eine fundierte Prognose auf Basis der verfügbaren Daten, keine sichere Vorhersage jedes einzelnen Virus. Sie berücksichtigt jene Varianten, die nach fachlicher Bewertung für die nächste Influenza-Saison voraussichtlich relevant sind. Einzelne Viren können jedoch von den empfohlenen Stämmen abweichen oder sich antigenisch weiterentwickeln.
Eine Abweichung bedeutet nicht automatisch, dass die Auswahl ihren Zweck verfehlt oder kein Schutz besteht. Sie soll die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Impfstoff zu den zirkulierenden Viren passt. Eine perfekte Übereinstimmung mit allen Varianten kann sie nicht garantieren.
Welche Virusstämme für die Saison 2026/27 vorgesehen sind
Für die Grippesaison 2026/27 auf der Nordhalbkugel empfiehlt die WHO drei Komponenten in einer trivalenten Zusammensetzung: zwei gegen Influenza-A-Viren und eine gegen Influenza B. Die empfohlenen Virenstämme unterscheiden sich je nach Herstellungsverfahren. Für H3N2 und die B/Victoria-Linie nennt die Empfehlung unterschiedliche Referenzviren. Deshalb bilden die Namen keine einheitliche Dreierliste für jeden Impfstoff.

Die drei Komponenten für ei-basierte Impfstoffe
Für ei-basierte Impfstoffe empfiehlt die WHO folgende Kombination, jeweils als „-like“-Stamm:
- A/Missouri/11/2025 (H1N1)pdm09-like
- A/Darwin/1454/2025 (H3N2)-like
- B/Tokyo/EIS13-175/2025-like aus der B/Victoria-Linie
Damit umfasst die Empfehlung zwei Influenza-A-Subtypen, H1N1 und H3N2, sowie eine Influenza-B-Komponente. Die Zusammensetzung wurde im Februar 2026 für die kommende Saison veröffentlicht. Sie basiert auf der weltweiten Überwachung zirkulierender Influenzaviren und ist auf die saisonale Produktion ausgerichtet. Die vollständige WHO-Empfehlung für 2026/27 führt die Komponenten getrennt nach Herstellungsplattform auf.
Ei-basiert beschreibt das Verfahren, mit dem Impfviren für die Produktion vermehrt werden. Die Zahl der Komponenten bleibt gleich, aber bei zwei davon ändert sich das empfohlene Referenzvirus. Für H1N1 gilt in beiden Plattformgruppen derselbe Stamm. Bei H3N2 und Influenza B unterscheiden sich die Empfehlungen.
Zellbasierte, rekombinante und Nukleinsäure-Impfstoffe nutzen teils andere Referenzviren
Für zellbasierte, rekombinante und Nukleinsäure-Impfstoffe nennt die Empfehlung andere H3N2- und B/Victoria-Referenzviren. Auch diese Komponenten sind jeweils als „-like“-Stämme angegeben:
- A/Missouri/11/2025 (H1N1)pdm09-like
- A/Darwin/1415/2025 (H3N2)-like
- B/Pennsylvania/14/2025-like aus der B/Victoria-Linie
Bei H1N1 steht in beiden Empfehlungen A/Missouri/11/2025-like. Für H3N2 empfiehlt die Plattform bei ei-basierter Herstellung A/Darwin/1454/2025-like, bei den anderen genannten Plattformen dagegen A/Darwin/1415/2025-like. Auch bei Influenza B unterscheiden sich die Referenzviren: B/Tokyo/EIS13-175/2025-like steht in der ei-basierten Zeile, B/Pennsylvania/14/2025-like in der zweiten.
Die Plattformgruppen dürfen bei der Wiedergabe der Empfehlung nicht vermischt werden. Eine verkürzte Liste mit nur einem H3N2- und einem B-Stamm verschleiert die Unterschiede. Für die EU veröffentlichte die EMA ebenfalls Vorgaben nach Herstellungsplattform. Ihre Angaben zur Zusammensetzung finden sich in der Empfehlung für die Grippesaison 2026/27.
Was die Endung „-like“ bedeutet und warum Referenzstamm und Produktionsvirus abweichen können
Die Endung „-like“ kennzeichnet ein Virus, das dem genannten Referenzstamm in den relevanten Eigenschaften ähnlich ist. Der Name beschreibt die Zielrichtung der Komponente, nicht zwingend das exakte Virus für die spätere Produktion. Referenz- und Produktionsvirus müssen nicht vollständig identisch sein.
Für die Herstellung muss ein Virus zur empfohlenen antigenischen Gruppe passen. Es muss sich auch für das jeweilige Verfahren eignen und in ausreichender Menge vermehren lassen. Ein geeigneter Produktionsvirus kann vom genannten Referenzvirus abgeleitet oder ihm ausreichend ähnlich sein, ohne in jeder Hinsicht mit ihm übereinzustimmen. Solche Unterschiede ändern nicht automatisch die Zuordnung zur empfohlenen Komponente.
Das ist relevant, wenn Listen verschiedener Behörden oder Plattformen nebeneinanderstehen. Ein Stammname bezeichnet zunächst eine Referenz für die Auswahl. Er belegt weder den konkreten Produktionsvirus noch die verfügbaren Produkte oder Chargen in einem bestimmten Land. Die Empfehlung beschreibt die angestrebte Zusammensetzung; die Umsetzung hängt von Herstellung und regulatorischer Prüfung ab.
Warum die Empfehlung für 2026/27 keine B/Yamagata-Komponente aufführt
Für 2026/27 enthält die Empfehlung drei Komponenten, darunter jeweils eine B/Victoria-Komponente. Die WHO führt keinen B/Yamagata-Stamm auf. Auch die EMA empfiehlt für die reguläre Zusammensetzung der EU-Saison keinen B/Yamagata-Stamm. Die Entscheidung betrifft die Zusammensetzung saisonaler Produkte, nicht die Influenza-B-Komponente insgesamt: B/Victoria bleibt enthalten.
Die Begründung hängt mit der Überwachung der B/Yamagata-Linie zusammen. Seit März 2020 wurden keine B/Yamagata-Linienviren mehr nachgewiesen. Entsprechend berücksichtigt die Empfehlung eine B/Victoria-Referenz: je nach Herstellungsplattform B/Tokyo/EIS13-175/2025-like oder B/Pennsylvania/14/2025-like.
In der Dreierempfehlung für die Nordhalbkugel 2026/27 ist keine zweite Influenza-B-Komponente vorgesehen. Die Auswahl berücksichtigt die als relevant bewerteten Influenzalinien und Viren. Daraus lässt sich nicht ableiten, welche Produkte oder Chargen in Deutschland erhältlich sind. Die Empfehlung benennt Referenzstämme und die angestrebte Zusammensetzung, sie ist keine Produktliste.
Vom WHO-Vorschlag zum Impfstoff: Wer in Europa und Deutschland entscheidet
Die WHO empfiehlt passende Virusstämme für die kommende Saison. Danach folgen weitere Entscheidungen: Die EMA gibt eine Empfehlung für die EU, Zulassungsbehörden prüfen die Umsetzung und die STIKO bewertet, welchen Bevölkerungsgruppen eine Impfung empfohlen wird. Diese Aufgaben greifen ineinander, sind aber nicht austauschbar.

Die EMA überträgt die WHO-Auswahl in eine Empfehlung für die EU
Am 30. März 2026 veröffentlichte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ihre Empfehlung zur Zusammensetzung saisonaler Präparate in der EU für 2026/27. Sie bestätigte die internationale Stammauswahl und ordnete die Referenzstämme nach Herstellungsplattform. Diese Unterscheidung ist für Entwickler wichtig, denn je nach Produktionsverfahren werden andere Referenzviren benötigt.
Die EMA-Empfehlung ist der europäische Schritt zwischen der fachlichen Stammauswahl und der regulatorischen Umsetzung für einzelne Präparate. In ihrer Mitteilung nannte die Behörde für Inhaber zentraler Zulassungen den 15. Juni 2026 als Termin für Änderungsanträge zur Zusammensetzung. Die EMA-Empfehlung für die EU-Saison 2026/27 bezieht sich auf die Zusammensetzung, nicht auf eine pauschale Freigabe sämtlicher Präparate.
Eine Stammempfehlung ist keine Zulassung für ein konkretes Präparat. Sie legt fest, welche Virusstämme für die Saison empfohlen werden. Ein zugelassenes Produkt muss zusätzlich das für seinen Zulassungsweg geltende Änderungsverfahren durchlaufen. Dabei wird das konkrete Produkt samt Unterlagen geprüft.
Welche Aufgaben WHO, GISRS, EMA, PEI und STIKO haben
Die Stammempfehlungen beruhen auf dem Global Influenza Surveillance and Response System, kurz GISRS. Das Netzwerk überwacht weltweit Influenza und sammelt Proben sowie Daten zu zirkulierenden Viren. Fachlabore vergleichen die Befunde und bewerten, welche Influenza-Varianten für die nächste Saison berücksichtigt werden sollten. Die Beschreibung des GISRS-Netzwerks erklärt, wie die internationale Überwachung diese Empfehlung vorbereitet.
Für die EU prüft und empfiehlt die EMA geeignete Stämme. Die Zulassung eines Präparats hängt dagegen vom jeweiligen Verfahren ab. Bei zentral zugelassenen Produkten entscheidet die Europäische Kommission über eine Zulassungsänderung. Bei national oder dezentral zugelassenen Produkten sind andere zuständige Behörden beteiligt.
Das Paul-Ehrlich-Institut übernimmt in Deutschland Aufgaben rund um Präparate. Dazu gehören die Beurteilung bestimmter Zulassungsänderungen sowie Qualitäts- und Chargenprüfungen. Welche Behörde eine Stammaktualisierung genehmigt, hängt vom Zulassungsweg ab. Bei zentral zugelassenen Produkten entscheidet das Institut nicht allein über die Änderung. Die Behörde erläutert ihre Aufgaben und Hintergründe zu saisonalen Influenza-Impfstoffen.
Die STIKO bewertet, für wen eine Impfung empfohlen wird, darunter auch Risikogruppen. Sie legt weder die Virusstämme für Hersteller fest noch ersetzt sie Zulassungs- oder Qualitätsprüfungen. Aus der Stammauswahl lässt sich nicht ableiten, welche Personengruppen die STIKO für 2026/27 empfiehlt. Das sind getrennte fachliche Fragen, die unterschiedliche Gremien bearbeiten.
Warum Impfstoffhersteller Monate Vorlauf brauchen
Sobald die Stämme feststehen, setzen die Hersteller die ausgewählten Komponenten in ihrem jeweiligen Produktionsverfahren um. Je nach Plattform können unterschiedliche Referenzviren relevant sein. Die Empfehlung gibt die Richtung vor, doch die Unternehmen müssen das passende Verfahren und die erforderlichen Unterlagen vorbereiten.
Danach folgen Herstellung und Prüfungen. Der konkrete Impfstoff muss die geltenden Qualitätsanforderungen erfüllen. Auch die Zulassungsunterlagen müssen aktualisiert und geprüft werden. Eine Änderung der Zusammensetzung betrifft daher Herstellung, Produktdokumentation und die regulatorische Bewertung des Präparats.
Der Zeitplan erklärt, weshalb die Auswahl Monate vor der Grippesaison feststeht und die EMA ihre EU-Empfehlung früh veröffentlicht. Hersteller brauchen ausreichend Vorlauf für die Produktion sowie die erforderlichen Prüfungen und Zulassungsverfahren. Eine späte Entscheidung würde diese Schritte in ein engeres Zeitfenster drängen.
Die Auswahl bleibt eine Vorausschau: Zum Zeitpunkt der Empfehlung ist noch nicht bekannt, welche Influenza-Viren später in den einzelnen Regionen vorherrschen. Die fachliche Stammauswahl beruht auf einer Prognose. Die EMA überträgt sie in eine EU-Empfehlung, und die zuständigen Stellen prüfen die einzelnen Präparate. Davon getrennt bewertet die STIKO, für wen eine Impfung empfohlen wird.
Was die jährliche Anpassung für Schutz und Wirksamkeit bedeutet
Die jährliche Aktualisierung soll die Zusammensetzung näher an jene Viren rücken, die in der kommenden Saison voraussichtlich zirkulieren. Sie kann die Übereinstimmung verbessern, aber weder die Virusentwicklung vorwegnehmen noch vollständigen Impfschutz garantieren. Für den Impfschutz zählen auch die Eigenschaften der geimpften Person und die Viren, denen sie begegnet.

Eine gute Übereinstimmung kann Erkrankungen verhindern oder ihren Verlauf abmildern
Stimmen die Bestandteile des Impfstoffs antigenisch gut mit den zirkulierenden Erregern der Influenza überein, kann das die Schutzwirkung unterstützen. Das Immunsystem bildet nach der Impfung Abwehrstoffe gegen die enthaltenen Virusbestandteile. Treffen diese auf ähnliche Viren, können sie eine Infektion erschweren oder den Verlauf abmildern. Wie stark dieser Effekt ausfällt, unterscheidet sich je nach Saison und Person.
Auch bei guter Übereinstimmung schützt die Grippeimpfung nicht sicher vor einer Erkrankung. Die Reaktion des Immunsystems ist individuell. Alter und Gesundheitszustand spielen eine Rolle; ebenso können frühere Impfungen oder Infektionen beeinflussen, wie der Körper auf eine neue Impfung reagiert. Der Impfschutz lässt mit der Zeit nach. Auch der Zeitpunkt der Impfung und die später tatsächlich zirkulierenden Viren sind relevant.
Die Schutzwirkung bemisst sich nicht allein daran, ob eine Infektion verhindert wird. Die Impfung kann auch das Risiko senken, schwer an Influenza zu erkranken oder wegen Komplikationen im Krankenhaus behandelt werden zu müssen. Eine Lungenentzündung zählt zu den möglichen schweren Folgen. Für die Saison 2025/26 berichteten die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC), dass die Impfung das Risiko für ambulante Arztbesuche und Krankenhausaufnahmen wegen Influenza verringerte. Solche Ergebnisse beziehen sich auf eine konkrete Grippesaison und lassen sich nicht als pauschaler Schutzwert auf andere Jahre oder einzelne Personen übertragen. Die CDC-Auswertung zur Impfwirksamkeit 2025/26 zeigt, weshalb Saisonangaben bei der Einordnung wichtig sind.
Warum eine Abweichung zwischen Impfstoff und Virus nicht automatisch Wirkungslosigkeit bedeutet
Die WHO trifft ihre Auswahl anhand der Daten, die zum Zeitpunkt der Empfehlung vorliegen. Sie bewertet, welche Varianten sich verbreiten und wie ähnlich sie den ausgewählten Referenzviren sind. Da die Produktion des Impfstoffs Monate im Voraus beginnt, lässt sich nicht sicher wissen, welche Influenza-Viren später in jeder Region vorherrschen werden. Die Empfehlung ist deshalb eine begründete Einschätzung, keine exakte Vorhersage.
Nach der Auswahl können sich die Viren weiter verändern. Eine Variante kann häufiger werden, während eine andere zurückgeht; außerdem verlaufen Viruswellen regional nicht immer gleich. Dadurch kann die Übereinstimmung mit den später zirkulierenden Influenza-Viren geringer ausfallen als erwartet. Eine solche Abweichung kann die Wirksamkeit mindern, bedeutet aber nicht automatisch, dass die Impfung keinerlei Wirkung hat. Immunreaktionen können Viren teilweise erkennen, auch wenn die Übereinstimmung nicht optimal ist.
Wie groß der Schutz in einer Saison ausfällt, lässt sich erst anhand saisonbezogener Untersuchungen einschätzen. Die CDC fasst ihre Studien zur Wirksamkeit saisonaler Grippeimpfstoffe für verschiedene Jahre zusammen. Die Ergebnisse schwanken, weil sich die zirkulierenden Viren und die untersuchten Bevölkerungsgruppen unterscheiden. Eine einzelne Saisonzahl beschreibt weder die Wirkung im Folgejahr noch den individuellen Impfschutz.
Jährliche Anpassung und jährliche Impfung sind zwei verschiedene Fragen
Die jährliche Anpassung betrifft die Zusammensetzung der enthaltenen Virusvarianten. Fachleute prüfen, welche Varianten in die nächste Produktion aufgenommen werden sollen. Die Empfehlung richtet sich auf die erwartete Viruszirkulation einer Saison. Sie legt jedoch nicht fest, für wen in Deutschland eine Impfung empfohlen wird.
Die jährliche Überprüfung bedeutet nicht, dass jedes Jahr alle Komponenten ausgetauscht werden. Umgekehrt belegt eine unveränderte Komponente nicht, dass eine frühere Impfung mehrere Jahre verlässlich schützt. Viren können sich verändern, und der Immunschutz kann mit der Zeit abnehmen. Deshalb wird die Zusammensetzung jährlich neu bewertet, auch wenn sie teilweise ähnlich bleibt.
Welche Risikogruppen in Deutschland eine Impfung erhalten sollten und welche Impfstoffarten, etwa ein Hochdosis-Impfstoff, für bestimmte Personen infrage kommen, beurteilt die STIKO gesondert. Aus der Stammauswahl für 2026/27 lässt sich keine individuelle Impfentscheidung und keine konkrete Empfehlung für diese Saison ableiten. Die STIKO-Empfehlung für Bevölkerungsgruppen beantwortet eine andere Frage als die Zusammensetzung, die angibt, gegen welche Virusvarianten die Impfung ausgerichtet ist.
Häufige Fragen
Welche Virusstämme empfiehlt die WHO für die Grippesaison 2026/27?
Die WHO empfiehlt zwei Influenza-A-Komponenten und eine Influenza-B-Komponente aus der B/Victoria-Linie. Die Referenzviren für H3N2 und B/Victoria unterscheiden sich je nach Herstellungsverfahren.
Warum wird die Zusammensetzung der Grippeimpfung jedes Jahr überprüft?
Die Grippeimpfung wird jährlich angepasst, weil sich Influenzaviren verändern und ihre Varianten unterschiedlich häufig zirkulieren. Die WHO bewertet, welche Viren in der Grippesaison voraussichtlich auftreten und wie gut die bisherigen Komponenten zum Impfstoff passen.
Bedeutet eine Abweichung zwischen Impfstoff und zirkulierenden Viren, dass die Impfung wirkungslos ist?
Nein. Eine Abweichung kann den Impfschutz mindern, schließt einen teilweisen Schutz aber nicht aus. Die Wirkung hängt unter anderem von den zirkulierenden Viren und der geimpften Person ab.
Was bedeutet die Endung „-like“ bei einem empfohlenen Virusstamm?
„-like“ bedeutet, dass ein Virus dem genannten Referenzstamm in relevanten Eigenschaften ähnelt. Der Produktionsvirus muss nicht mit dem Referenzvirus identisch sein, aber zur empfohlenen antigenischen Gruppe passen.
Fazit
Das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS) überwacht weltweit zirkulierende Viren der Influenza und liefert der WHO Daten für die saisonale Auswahl. In der EU prüft die EMA die Empfehlung. Nationale Behörden kümmern sich getrennt davon um Zulassung und Qualitätskontrolle.
Die empfohlenen Virenstämme unterscheiden sich je nach Herstellungsverfahren. Für H3N2 ist bei einer Herstellung auf Eibasis A/Darwin/1454/2025-like vorgesehen, bei anderen Plattformen A/Darwin/1415/2025-like. Für B/Victoria nennt die Empfehlung entsprechend B/Tokyo/EIS13-175/2025-like oder B/Pennsylvania/14/2025-like.
Diese Auswahl bleibt eine jährliche Prognose und garantiert keine vollständige Übereinstimmung mit den später zirkulierenden Influenza-Viren. Sie soll die Zusammensetzung des Impfstoffs möglichst nah an die für die kommende Saison erwarteten Varianten heranführen.
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